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Der Wegfall von Print bedeutet nicht das Ende der Kundenbeziehung

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Jessica Weigel, QUBUS media GmbH

Jessica Weigel ist seit fast 20 Jahren für digitale Medien bei QUBUS media zuständig. Sie stand dem Nutzen (vdmno) Rede und Antwort, wie bei QUBUS media das traditionelle Printgeschäft mit digitalen Medien und Services erweitert wird.

NUTZEN: Frau Weigel, QUBUS media ist ein junges Unternehmen und hat trotzdem viel Tradition. Was können Sie uns dazu sagen?

WEIGEL: Mit BWH, Quensen und Steppat kommen bei QUBUS media drei Traditionsunternehmen zusammen. Alle kommen aus dem Bogen-Offsetdruck, allerdings mit anderen Schwerpunkten und anderen Kundenstrukturen. Mit der Fusion haben wir 2019 begonnen und konnten in den Abteilungen schnell in die Praxis übergehen. Die Geschäftsleitung hat großen Wert darauf gelegt, dass die Teams sofort eine gute Kommunikation aufbauen. Die drei Mannschaften zusammenzubringen mit ihren Traditionen und Erfahrungen und daraus etwas großes Neues zu entwickeln – ein großes Medienhaus in der Region Hannover – das war und ist eine Herausforderung. Es mussten sich nicht nur neue Teams finden, es ging natürlich auch um viele technische Fragen. Welche Prozesse sollen in Zukunft gelten? Mit welchen Systemen soll gearbeitet werden? Sollen wir neue Wege einschlagen oder Bewährtes übernehmen? Es wurden Maschinen verkauft und neu angeschafft, der gesamte Maschinenpark wurde aufgerüstet und an den neuen Kundenstamm angepasst. Die Fusion ist in allen Details noch immer nicht abgeschlossen, aber wir haben bereits sehr viel geschafft.

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Außenfassade QUBUS media – drei Traditionsunternehmen kommen zusammen.

NUTZEN: War es rückblickend betrachtet eher schwierig, unterschiedliche Unternehmenskulturen zusammen zu bringen oder waren die genannten technischen Fragen die größere Hürde?

WEIGEL: Bei uns war es definitiv das Technische. Unsere größte Frage war die Entscheidung, mit welchem MIS wir arbeiten wollen, um unseren vereinten Kundenstamm zu verwalten und die Aufträge durchzuschleusen. Da standen zwei Systeme zur Debatte. Wir hatten von vornherein im Fokus, auf den digitalen Produktionsweg zu setzen. Mit diesem Schwerpunkt hat sich dann auch ein System durchgesetzt. Einfach war das allerdings nicht.

NUTZEN: In der Produktion bietet QUBUS media alles, was man von einer modern und breit aufgestellten Druckerei erwarten würde. Sie bezeichnen sich selbst als Medienhaus. Warum?

WEIGEL: Unser Kerngeschäft ist natürlich das Druckereigeschäft im Bogenoffset und Digitaldruck. Als Medienhaus bieten wir digitale Zusatzleistungen, aber auch Verpackungslösungen. Dieses Geschäft läuft erfolgreich und soll weiter ausgebaut werden. Hinzu kommt der Kreativbereich in unserer Medienvorstufe. Und da setzen wir nicht nur Visitenkarten. Wir beschäftigen uns vielmehr mit neuen Workflows und Automatisierung, um Prozesse zu beschleunigen. Nehmen wir als Beispiel den automatisierten Satz. Die Grundtechnologie ist zwar bei den meisten Projekten gleich, aber jedes Produkt bringt eigene Anforderungen mit. Jeder Kunde hat seine eigenen Strukturen und seine eigene Art, uns Daten anzuliefern. Und daraus ergeben sich neue Ideen und neue Lösungen im Bereich Medientechnik oder auch in der IT. Auf diesem Weg entstehen neue Angebote, mit denen wir andere Medien bedienen.

NUTZEN: Wie entstehen diese Ideen? Gehen Sie selbst auf Ihre Kunden zu oder werden Sie eher ausgehend von klassischen Druckdienstleistungen auf ergänzende Services angesprochen?

WEIGEL: Entscheidend sind die Kundenbeziehungen. Manchmal wird uns vom Kunden nur am Rande gesagt, dass zum Beispiel die Auflage der Zeitung gekürzt werden soll, weil auf ein Online-Magazin umgestellt wird. Und so etwas nehmen unsere Kundenbetreuer und -betreuerinnen auf und
geben diese Informationen an mich weiter. Ich kann dann prüfen, ob wir Leistungen im Portfolio haben oder welche aufbauen können, um diese Kundenanforderung zu bedienen. Wir gehen dann auf unsere Kunden zu mit unserer Idee für ein Angebot und stoßen eigentlich immer auf offene Ohren. Wir stellen eine große Bereitschaft fest, sich das anzuhören und uns eine Chance zu geben. Das Ganze muss aber auch in unser eigenes Portfolio passen. Früher haben wir durchaus auch spezielle Kundenwünsche programmiert, aber daraus wurden schnell Insellösungen, die uns auf längere Sicht nicht wirklich weitergebracht haben. Das ist dann strategisch nicht sinnvoll. Es kann bei uns drei Situationen geben.
Häufig produzieren wir bereits im Print für einen Kunden, der dann auch digitale Angebote als Zusatzprodukt fordert. Es kommt auch vor, dass ein Printprodukt eingestellt und in ein Digitalprodukt überführt werden soll. Und dann gibt es natürlich auch Projekte, bei denen wir ganz neue Formate mit unseren Kunden entwickeln. Für alle drei Situationen sind wir mit unseren Strukturen gerüstet und können Angebote entwickeln, um Kundenbeziehungen aufrechtzuhalten oder neu aufzubauen. Der Wegfall von Print bedeutet nicht das Ende der Kundenbeziehung.

NUTZEN: Mit digitalen Services werden am Ende nicht mehr Druckprodukte, sondern Projektarbeit, Dienstleistungen oder sogar Software-Plattformen verkauft. Was bedeutet das für den Vertrieb?

WEIGEL: Auch das ist eine Herausforderung, besonders jetzt mit dem neuen großen Team. Wir haben alle Mitarbeitenden eingearbeitet in unsere digitalen Angebote. Jeder weiß, warum wir diesen Weg gehen. Man muss natürlich auch aufpassen, den Print nicht unnötig zu kannibalisieren, denn das Drucken ist für uns weiterhin Herzenssache. Das ist manchmal eine Gratwanderung. Dies darf aber kein Grund sein, den digitalen Weg nicht einzuschlagen. Denn in der Praxis haben wir schon oft gesehen, dass wir mit unseren digitalen Angeboten eine stärkere Kundenbindung aufbauen können, indem wir Prozesse vereinfachen. Kunden wissen es zu schätzen, wenn alles aus einer Hand kommt – wenn sich Produktionszeiten verkürzen, weil es nur einen Ansprechpartner gibt.

NUTZEN: Um es konkret zu machen: Um welche digitalen Produkte oder Dienstleistungen geht es da zum Beispiel?

WEIGEL: Lassen Sie mich zwei Leistungen nennen. Wir betreiben zum Beispiel seit vielen Jahren ein Redaktionssystem in einer eigenen Cloud. Wir hatten und haben Kunden, die Magazine und Fachzeitschriften produzieren und zum Großteil bei uns drucken lassen. Schon vor Jahren, weit vor Corona, war die Situation bereits die, dass die Redaktionsteams dezentral organisiert waren. Unser Service ist es, alle Akteure in ihren unterschiedlichen Rollen über das cloudbasierte Redaktionssystem kollaborieren zu lassen, also gemeinsam an der Publikation zu arbeiten. Wir haben auch ein eigenes Rechenzentrum bei uns im Haus, mit allem, was dazu gehört. Die volle Datenkontrolle war uns wichtig. Wir können die Systeme so konfigurieren, wie wir es benötigen. Mithilfe unseres Rechenzentrums können wir Software-as-a-Service vollumfänglich aus eigenen Ressourcen anbieten. Ein anderes Beispiel sind digitale Magazine. Da stecken wir gerade viel Energie hinein. Wir haben mit tabmag aus Hannover einen exzellenten Partner gefunden. HTML5 und CSS sind die Basis, also keine PDF-Technologie, sondern Web-Technologie. Wir reden nicht von einem blätterbaren ePaper, sondern von einem hundertprozentig responsivem digitalen Magazin, welches sich an das Endgerät anpasst und intuitiv bedienbar ist. Wir sind nicht mehr an Hürden gebunden und können digitale Magazine nahezu unbegrenzt interaktiv anreichern – zum Beispiel mit Animationen oder Galerien. Wir sind nicht beschränkt auf einen festgelegten Umfang und können uns den Platz gönnen, um Content optimal zu präsentieren. Hinzu kommt die Möglichkeit, den Nutzer anhand eines roten Fadens durch das Magazin zu führen.

NUTZEN: Und mit welchen Digitalthemen haben Sie vor etwa 20 Jahren angefangen?

WEIGEL: Ganz am Anfang haben wir uns mit klassischen Internetauftritten beschäftigt, die damals jeder haben wollte. Da ging es noch nicht darum, Prozesse abzubilden. Parallel hatten wir unsere Stärken schon zu jener Zeit in der Katalogproduktion. Wir haben mit großen Unternehmen gearbeitet, für die wir komplexe Strukturen aufgebaut hatten. In unserer eigenen Vorstufe konnten wir z. B. auf Basis von Quark xtags einige hundert Seiten Layout in wenigen Minuten im Layoutprogramm generieren. Somit haben wir die Produktionszeiten von drei Wochen auf drei Tage reduziert. Das ist seinerzeit ein großes Ding für uns gewesen. Und für unsere Kunden war das ein unschlagbarer Service. Der automatisierte Satz wurde zu unserem Weg und das hält bis heute an. Wir fingen dann auch an, für diese speziellen Prozesse Software zu entwickeln.

NUTZEN: Eine Position für digitale Medien ist in einer Druckerei eher ungewöhnlich. Wie muss man sich Ihre Tätigkeit vorstellen?

WEIGEL: Ich führe Kundenpräsentationen durch, erstelle Angebote, steuere Projekte und tausche mich mit Entwickler- oder Softwareteams aus, die uns zuarbeiten. Selbstverständlich spielt auch der Austausch innerhalb der Abteilungen im Haus eine wichtige Rolle. Es geht in aller Regel um Projekte, die viel Abstimmung erfordern. Da sind auch viele Aufgaben zu delegieren, denn man kann nicht alles selbst machen. Ich habe einen sehr hilfreichen Programmierhintergrund, ich kenne mich aus mit Datenbanken und Webentwicklung. Das hilft mir in meiner Funktion als Schnittstelle zwischen den Spezialisten in den verschiedenen Bereichen. Es geht viel um Koordination und Projektarbeit.

NUTZEN: Welchen Werdegang hatten Sie? Wie sind Sie zum Unternehmen gestoßen?

WEIGEL: Ich habe hier bereits meine Ausbildung gemacht als Mediengestalterin Digital und Print, Fachrichtung Medienoperating Non-Print. Ich glaube, so hieß das damals noch. Ich hatte sehr gute
Ausbilder und ein top Team, die mich an dieses Thema herangeführt haben. Ich habe dann schnell viel Eigenverantwortung bekommen und bereits in meinem zweiten Ausbildungsjahr, 2004, ein eigenes Projekt bekommen. Wir haben damals schon die Tagesprogramme für die CeBIT und die Hannover Messe gemacht. Das habe ich dann in meinem Projekt komplett mit einer Datenbank und Xtags in QuarkXPress umgesetzt, womit wir die Produktionszeiten extrem verkürzen konnten. Zu der Zeit war mir nicht klar, welche Dimensionen das annehmen würde. Denn im Lauf der Zeit hat sich die Lösung zu einem kompletten Veranstaltungsmanagement entwickelt, welches wir „Daily Fair“ genannt haben. Das System ist noch heute im Einsatz, nur viel komplexer und mit Anbindungen der Online-Kanäle. Erst im letzten Jahr bei der digitalen Hannover Messe hat es noch einmal größere Updates gegeben. Es geht im Kern um strukturierte Daten und das schnelle Ausspielen in verschiedenen Medien. Das ist ein lebendes Objekt. Als Datenquelle speist Daily Fair heute nicht mehr nur Print, was aktuell bei digitalen Events nicht mehr gefragt ist. Mein Baby von damals ist erwachsen geworden.

NUTZEN: Wie schwierig ist es eigentlich heute als Druckerei, im Recruiting die passenden Spezialisten für Digitales am Arbeitsmarkt zu finden?

WEIGEL: Wir machen uns da nichts vor: Wenn man als Druckerei – oder nach unserem Verständnis als Medienhaus – eine Stelle ausschreibt, dann mag das für einen reinen Webentwickler erst einmal nicht so sexy klingen. Wir sind aber sicher interessant für Leute, die bereits aus dem Medienbereich kommen oder bereits Erfahrungen in der Vorstufe gesammelt haben. Ich glaube, dass die Tätigkeiten in unserem Haus viel abwechslungsreicher sind, als in manch einer Web-Agentur. Denn bei uns geht es nicht darum, jeden Tag nur mit diesem oder jenem Content Management System zu arbeiten. Hier geht es um individuelle Prozesse und Workflows, die kreativ mit immer neuen Lösungen abzubilden sind.

NUTZEN: Glauben Sie, dass die vielen Jahre Erfahrung in der Projektarbeit mit digitalen Medien ein großer Vorteil sind, um neue Projekte erfolgreicher zu gestalten und schneller zu bewältigen?

WEIGEL: Wenn man bereits sehr viele Projekte in dem Bereich gemacht hat, dann kommt natürlich eine gewisse Routine dazu. In der Projektarbeit ist zudem häufig ein gewisser Grad an Agilität notwendig. Routine und Erfahrung bei der agilen Projektarbeit sind sicher von Vorteil. Ich muss aber auch ehrlich zugeben, dass man aufpassen und sich selbst ständig reflektieren muss, ob man sich wegen all den gemachten Erfahrungen nicht manchmal doch neuen Ideen verschließt oder diese nicht zulässt.

NUTZEN: Darüber hinaus: Von welchen „Lessons learned“ nach all den Jahren können Sie vielleicht noch berichten?

WEIGEL: Ich habe gelernt, dass mein Schwerpunkt und meine Leidenschaft definitiv nicht das Programmieren ist, sondern Projekte zu koordinieren. Und auch, dass nicht alles perfekt sein muss. Wenn man 80 Prozent erreicht hat, dann kann man mit einem Angebot häufig bereits rausgehen und schnell online sein. Und mein drittes Learning ist, auch ‚Nein‘ sagen zu können. Nicht jede Idee ist am Ende wirklich gut und tragfähig und passt zur Strategie im Unternehmen.

Das Interview führte Ronny Willfahrt (vdmno)

 

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